Robert Hültner
btb

Interview mit Robert Hültner zu seiner ersten Graphic Novel

„Es geht mir um das Erzählen – nur der sinnliche Zugang zur Geschichte ist ein anderer!“

 

Ein Gespräch mit dem Krimiautor Robert Hültner über die Arbeit an der grafischen Umsetzung seines Romans „Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski“ durch den Zeichner Bernd Wiedemann

 
Robert Hültner

© Peter von Felbert

Herr Hültner, Sie schreiben nicht nur Romane, sondern auch Hörspiele, Drehbücher und Theaterstücke. Und jetzt legen Sie auch noch zusammen mit dem Zeichner Bernd Wiedemann eine Graphic Novel vor.

Robert Hültner: Klingt ein bisschen wie „Hans Dampf in allen Gassen“, meinen Sie? Für mich natürlich nicht, und ich habe auch überhaupt nicht vor, meine anderen Arbeiten zu vernachlässigen. Für mich und für meine Art des Schreibens gehören alle diese Darstellungsweisen zusammen. Es geht mir um das Erzählen, und jede dieser unterschiedlichen Formen, selbstverständlich auch die zeichnerische, erlaubt, den Stoff anders zu durchdringen. Die Substanz dabei ist immer die gleiche, egal ob Roman, Theaterstück, Film- oder Funkskript oder Comic. Nur der sinnliche Zugang zur Geschichte ist ein jeweils anderer. Das ist es, was mich interessiert.

Die Comic-Kultur ist hierzulande lange Zeit abgewertet worden. Sie dagegen lieben Comics und haben lange nach einem Zeichner für Ihre Geschichten gesucht. Woher kommt Ihre Nähe zu dieser Kunstform?

Robert Hültner:Das war einerseits Zufall, aber andererseits gilt bekanntlich, dass Leute, die ähnlich ticken, früher oder später aufeinander treffen. Wir haben uns bei einer Buchpremiere kennen gelernt, Bernd hatte die Illustrationen zum Buch gemacht, wozu ich für die Einführung engagiert war. Seine Zeichnungen gefielen mir, sie hatten genau jenen „Strich“, den ich mir vorgestellt hatte. Er wiederum kannte bereits einige meiner Romane und war sofort an einer Zusammenarbeit interessiert. Es war aber nicht allein seine künstlerische Handschrift, die mich überzeugt hat, sondern seine Bereitschaft zum gründlichen Nachdenken über Inhalt und Form, was er dann kompromisslos umsetzt, bis in Feinste künstlerische und handwerkliche Details. So haben wir beispielsweise lange darüber debattiert, wie wir – da die Comic-Handlung von Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski ja zu Beginn der Weimarer Republik angesiedelt ist – mit der Darstellung historischer Szenen umgehen. Wir fragten uns: Was ist an den recherchierten Dokumenten über diese Zeit wirklich brauchbar, was ist linke oder rechte Idyllisierung, was Interpretation oder gar Propaganda? Ich hatte mich mit dieser Zeit ja schon ausführlicher auseinander gesetzt, weshalb für mich klar war, dass deren Wahrheitsanmutung täuscht – die wenigen authentischen Fotos etwa der Münchner Revolution stammten großteils von Fotografen, die der politischen Rechten angehörten. Ebenso wurde uns klar, dass wir, ob wir es wollen oder nicht, mit unserem Thema eine Position in der Wahrnehmungsgeschichte dieser bedeutenden historischen Ereignisse einnehmen werden.

Wie muss man sich Ihre Zusammenarbeit mit Bernd Wiedemann vorstellen?

Robert Hültner: Von vorneherein war klar, dass diese Geschichte durch Bernd Wiedemanns Bilder erzählt werden muss. Deshalb habe ich meinen Roman zunächst nur daraufhin überprüft, wie ein Comic-Szenario aussehen könnte, das der Grafik vorrangigen Raum lässt, andererseits aber auch die Krimi-Dramaturgie nicht aus den Augen verliert. Ansonsten bestand in dieser Anfangszeit mein Part eher darin, Fakten und Informationen beizusteuern. Dass ich in dieser Anfangsphase zunächst noch keinen Text formuliert habe, war Absicht. Ich wollte erst sehen, was die Bilder erzählen. Als ich die ersten Zeichnungen dann erhielt, konnte ich mich darauf konzentrieren, einen Text zu entwerfen, der nur die nötigsten Erklärungen und inhaltlichen Ergänzungen gibt. Allerdings ergab sich beim Zusammenfügen nicht selten, dass sich durch das Bild-Text-Verhältnis überraschend eine neue, nicht geplante Dynamik entwickelt hatte, woraufhin wir beides erneut angleichen mussten, ich meinen Text, Bernd Wiedemann seine Grafik. Das war zuweilen zeitaufwändig, aber auch ein faszinierender Prozess. War eine längere Bilderstrecke dann zu unserer Zufriedenheit gelungen, tauchte Bernd Wiedemann wieder für einige Tage in seinem Atelier ab, wo er – enorm konzentriert und in marathon-mäßigen Sitzungen, literweise Gunpowder-Tee schlürfend – an den nächsten Abschnitten arbeitete. In diesen Phasen hatte er manchmal etwas fast Mönchisches an sich, war nur noch begrenzt ansprechbar. Fühlte er sich mit einem Ergebnis unbehaglich, arbeitet er so lange an neuen Versionen, bis er zufrieden war. Schön war: Je länger wir zusammenarbeiteten, desto weniger Worte mussten wir darüber verlieren, was uns gelungen erschien oder was wir uns noch einmal vornehmen wollten.