Robert Hültner
btb

Portrait

Fährmann zwischen den Zeiten

 

Rotwelsch und Räterepublik:
Wie Robert Hültner das Genre des historischen Kriminalromans virtuos bereichert.

 

VON HENDRIK WERNER

 
Geschiss, Diridari, Baraber

Ein begnadeter Lehrmeister für krachlederne Rhetorik ist dieser Mann: Seine Figuren – seien es Verbrecher oder deren Verfolger – sprechen ein Rotwelsch zum Niederknien. Vom Diridari (Geld) und vom Baraber (Obdachloser) raunen sie zwischen dem Zuchthaus Stadelheim, dem Münchner Polizeipräsidium und diversen Tatorten. Über den Weiberer (Frauenheld), den Haberer (Zuhälter) und den Kuttenbrunzer (Mönch) ziehen sie her, über Geschiss (Ärger) und Krätzn (Ausschlag) führen sie Klage. In einem authentischen Bajuwarisch, das oft derber ist, als es die Polizei erlauben dürfte. Aber im München der 1920er-Jahre, von dem Robert Hültner in seinen staunenswert sozialkritischen Krimis erzählt, scheint fast alles gestattet zu sein, was gefällt. Diese Stadt im permanenten Ausnahmezustand sowie eine nur vermeintliche Alpenidylle bilden Kulissen für Sippen- und Sittengemälde, deren Eindringlichkeit ihresgleichen sucht. Auch jenseits jener (blut)roten Halbwelt, die Hültner besonders packend illustriert. Ein mit pädagogischem Eros gesegneter Cicerone ist dieser Mann, der sich als Fährmann zwischen den Zeiten verdingt: Er nimmt seine Leser mit in eine politisch instabile und moralisch verderbte Räterepublik, deren Fährnisse er in einer atmosphärischen Dichte schildert, die kaum ein Geschichtskompendium zu leisten imstande ist. Hültner recherchiert akribisch; neben Literatur zieht er auch Zeitzeugen zu Rate. Das hierzulande zu Unrecht belächelte Genre des historischen Regionalkrimis hat der Mechanikersohn, geboren 1950 in Inzell (Chiemgau), lange vor Andrea Maria Schenkels Überraschungserfolg »Tannöd« zu höchster Blüte geführt. Dass beide Autoren, Altmeister und Fan, mittlerweile gemeinsam Lesungen bestreiten, bereichert den oftmals geschichtsvergessenen Krimistandort Deutschland.

Ein mit einer glaubwürdigen und faszinierenden Hauptfigur punktender, ja, prunkender Romancier ist dieser Mann, der mit viel Emphase und noch mehr Empathie die heikle Epoche zwischen zwei Weltkriegen aufleben lässt. Paul Kajetan heißt sein Held. Schrieben wir Held? Obacht bei vorschnellen Charakterisierungen! »Er war kein Held«, schickt Robert Hültner dem neuen Fall seines Serienermittlers ein Bonmot des Schriftstellers Theodor Plivier voran. »Dazu hatte er zu viel Phantasie.« Wahrlich: Die aberwitzigen Imaginationstalente und eigenwilligen Fahndungsmethoden des Herrn Kajetan, der seinem Erfinder den Friedrich-Glauser-Preis und zwei Deutsche Krimi-Preise eingetragen hat, machen dem notorischen Schnüffler das Leben mitunter schwer. In bislang vier Fällen hat die zwischenzeitlich vom Dienst suspendierte Spürnase so viel Dreck auch in den eigenen Reihen aufgewirbelt, dass er daran zu ersticken droht: »Walching« (1993), »Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski« (1995), das Meisterwerk »Die Godin« (1997), »Inspektor Kajetan und die Betrüger« (2004).

Jüngster Streich ist die beklemmende, kunstvoll komponierte Folge »Inspektor Kajetan kehrt zurück«, die im Februar 2009 bei btb erscheint. Auch diese Mission um seine vom Polizisten zum »Auskunftei«-Detektiv abgestiegene Figur hat Hültner in einen raffinierten Thriller gewandet, der mit Lebensgefährdungen für den Gerechtigkeitsfanatiker Kajetan aufwartet. Denn der muss unter abenteuerlichen Umständen aus München fliehen, nachdem er Nepotismus und Korruption unter einstigen Kollegen aufgedeckt hat. Auch dieser Fall des schon oft gefallenen Kajetan ist reich an Lokalkolorit, historischem Flair und rhetorischem Witz. Zu besichtigen ist ein mutiges Stehaufmännchen, dessen ausgeprägter Widerspruchsgeist unter Kollegen mehr berüchtigt denn berühmt ist.

Bei seinen lebensdrallen, ja, bisweilen deftigen Schilderungen schöpft Hültner, der jeden Dialog zu einem Pointengewitter, jede Landschaftsbeschreibung zu einer existenziellen Lektüre-Erfahrung machen kann, aus einem wertvollen autobiografischen Fundus: Neben für seine suggestive Bildsprache stilbildenden Jobs (als Schriftsetzer, Dramaturg und Regisseur von Kurzfilmen und Dokumentationen) reiste der passionierte Bewahrer mit einem Wanderkino durch bayerische Dörfer ohne Lichtspieltheater; zudem restaurierte er historische Filme. Hültner ist Kulturkonservativer und Heimatromancier im besten Sinne. Dass er abwechselnd in München und in einem abgeschiedenen Bergdorf in Südfrankreich lebt, passt gut dazu; ebenso seine mit Traditionsbewusstsein gepaarte Bodenständigkeit. Schließlich ist seine Geburtsstadt nicht nur als Eislaufmekka berühmt, sondern war 150 Jahre lang florierender Bergbauort. Dass sich im Inneren des Kienbergs zu Inzell so viel ereignet hat und noch immer ablesen lässt, hat Hültner stets fasziniert. Die verborgene Geschichte ist es, die sein Werk beseelt.

In seinem rustikalen Enthüllungsdrang ist Paul Kajetan ein investigatives, insistentes, bisweilen impertinentes Trüffelschwein. Dass man das, bei allem Respekt, auch über seinen stilistisch eigenwilligen, thematisch findigen Ersinner sagen kann, sollte diesem unbedingt zur Ehre gereichen. Hamma uns?