Robert Hültner
btb

Steckbrief

Inspektor Kajetan – Ein Porträt

 

Es sind politisch und gesellschaftlich turbulente Zeiten, in denen der Münchner Polizeiinspektor Kajetan ermittelt. Der erste Weltkrieg ist gerade erst beendet, und die Weimarer Republik steht auf wackligen Füßen, an denen von Links die Kommunisten und von Rechts die Nationalsozialisten sägen. Echte Demokraten scheinen dieser Tage in der Minderzahl.

Das Leben ist karg und mühsam für die kleinen Leute, für die Handwerker und Tagelöhner aus den einfachen Stadtvierteln, und für die Kleinbauern, Knechte und Mägde im bayerischen Oberland. Auch Inspektor Paul Kajetan stammt aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater, ein Italiener aus dem Friaul, hat in der Ziegelei in Föhring geschuftet, der Sohn wurde als „Itaker“ beschimpft. Er ist zu einem kleinen Mann mit Kinnbart herangewachsen, den die Frauen anziehend finden – aber nie auf Dauer.

 

Spürnase und Dickschädel

 

„Ich hab da so ein Gefühl“ – kein Satz könnte Kajetans erfolgreiche Ermittlungsmethode besser beschreiben. Das muss auch der Pathologe Sobczak grummelnd eingestehen, als Kajetan bei ihm um Hilfe nachsucht: „[…] Und wenn ich gefragt werd, warum es das braucht, sagen: Ja wissens, der Herr Kajetan, […] der meint da irgendwie, dass da noch was anderes dahinter sein könnt? Und dass allerweil, wenn der meint, dass da was dahinter ist, auch meistens was dahinter ist?“

Kajetans untrüglicher Spürsinn und sein Ermittlungsgeschick sind so legendär, dass sein Schüler und späterer Amtsnachfolger Thaddäus ‚Thaddädl’ Zunhammer sich komplizierten Situationen später immer mit der Frage „Wie würde Kajetan vorgehen?“ nähern wird.

Doch in einem strikt hierarchischen Umfeld, in einer Zeit der politischen Intrigen, gründet beruflicher Erfolg nicht unbedingt auf fachlicher Kompetenz. Kriminalinspektor Paul Kajetan eignet sich einfach nicht zum Karrieristen. Im Gegenteil, sein Dickschädel, sein Gerechtigkeitssinn und sein notorischer Unwille, sich entgegen seinen Überzeugungen zu verbiegen, kommen Kajetan teuer zu stehen.

 

Vom Inspektor zum Privatdetektiv

 

Bei den Ermittlungen im Mord an einem jungen Journalisten, der das Attentat an Kurt Eisner untersuchte, kommt Kajetan einem Verschwörernetz der Nationalen auf die Spur, das bis ins Polizeipräsidium reicht („Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski“) – und kann dem anti-demokratischen Treiben doch nur machtlos zusehen.

In „Walching“ hat er es sich mit seinem Vorgesetzten dann bereits tüchtig verscherzt: Er hatte einen halbwüchsigen Jungen aus der Nachbarschaft gedeckt, der sich 1919 nach der Revolution den Roten angeschlossen hatte und beim Einmarsch der Weißen Garden denunziert worden war. Kajetan wird vor die Entscheidung gestellt, den Polizeidienst zu quittieren oder einer Versetzung nach Dornstein zuzustimmen. In Dornstein gerät er vom Regen in die Traufe, seine Ermittlungen bedeuten das endgültige Ende seiner Polizeilaufbahn. Kajetan wird „wegen Befehlsverweigerung und verleumderischer Anschuldigung gegen seinen Vorgesetzten“ unehrenhaft aus dem Dienst entlassen – und hat sich ernstzunehmende und einflussreiche Feinde geschaffen.

Der unehrenhafte Rausschmiss wird zur Existenzbedrohung: Kajetan verarmt, verdingt sich als Tagelöhner, sucht wie viele in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit nach Gelegenheitsarbeiten, gerät in Mietrückstand und verliert seine Wohnung („Die Godin“). Ein neues Auskommen findet er schließlich als Privatdetektiv in einer Auskunftei, auch wenn ihm das Schnüffeln in Privatangelegenheit nicht besonders gefällt. Noch immer hofft er auf seine Rehabilitierung und die Wiederaufnahme in den Polizeidienst. Doch die Zeichen der Zeit stehen schlecht für einen, der sich nicht mit den verabscheuten Nationalen gemein machen will, die mehr und mehr Schlüsselpositionen in der Exekutive mit den eigenen Leuten besetzen. Das Dritte Reich wirft seinen langen Schatten bereits voraus.

Weil er den korrupten Machenschaften der Münchner Polizei auf die Spur gekommen ist, ist Kajetan schlussendlich gezwungen, unterzutauchen („Inspektor Kajetan kehrt zurück“). Die Flucht führt ihn erneut ins Oberland, zurück in den Bezirk Dornstein, und geradewegs in eine neue Mordermittlung …

Maria Hinz,
München 2009