Robert Hültner
btb

Zeitdokumente

 

Oskar Maria Grafs „Hölleisengretl“

 

Aus: Oskar Maria Graf: Die Geschichte von der schiefen Matratze.

 

In dem kleinen Bauerndorf P. steht heute noch der ansehnliche Hölleisenhof. Er gehört jetzt zum dortigen Kloster, und Verwaltersleute hausen drinnen. Einmal – nach dem Tod von Vater und Mutter – ist er der einzigen Tochter, der Hölleisengretl, zugefallen. Die war verwachsen und bucklig. Aber Geld und Sach' hat sie genug gehabt. An die zwölf Stück Vieh, zwei braune Rösser, fünfzig Tagwerk Wiesengrund und an die zwanzig Tagwerk schlagbares Holz. Die Gretl war resolut wie ein grades Mannsbild und hat sich selbigerzeit einen Knecht und die alte Pleenerin ins Haus genommen, und zur Ernte, im Sommer, hat sie jeweils einen oder zwei Taglöhner eingestellt.

Scharfe, fast stechende Augen hat sie gehabt, die Gretl, und anschaffen hat sie können wie ein Korporal. Wehe, wenn sie schimpfte.

„Ein Maul wie ein Schwert hat sie“, sagten die Leute von ihr. Keiner ist dagegen aufgekommen.

Aber die Gretl war mitunter auch ein recht lustiges Weibsbild, trotz ihrer körperlichen Mängel, und, komischerweise, sie hat es sehr gern gehabt, sich sonntags zum Kirchgang „reich“ anzuziehen. Da war sie, wie man so sagt, ein „Luder“ und verstand sehr gut, etwas aus sich zu machen. Wirklich wahr. Nach damaligem Brauch ging sie mit Geschnür und Mieder, trug die schweren, vergoldeten Ohrringe ihrer Mutter selig und den breitrandigen, goldumschnürten, fast zwiebelförmigen Filzhut. Um den rechten Arm hatte sie stets das breite, silbergearbeitete Band und an den Fingern etliche Ringe. Auf den ersten Blick schaute das fast grausig aus: Ein derartig elendiglich verstalteter Körper in so einer prunkvollen Aufmachung. Wenn man aber länger und genauer hinsah, gewann die ganze Erscheinung sonderbarerweise. Das adrette, herausgeputzte kleine Weiblein mit dem spitznasigen Gesicht und den bei solchen Gelegenheiten meist lustig glänzenden Augen, mit dem enganliegenden Mieder, dem von den etwas eckig heraustretenden Hüften herabwallenden langen schwarzen Rock und dem schwerseidenen blauen oder roten Fürter hatte gewissermaßen eine fremdartige Zierlichkeit. Auch das Tanzen mochte die Gretl nicht ungern und war dabei – wie die Burschen sagten – „gering wie ein Federwisch“. Kurzum, unter ihrem Buckel hat die Hölleisengretl eigentlich nie zu leiden gehabt.

Ich will's kurz sagen: Das Unglaublichste ereignete sich – im Frühjahr heirateten die Hölleisengretl und ihr Knecht, der Mathias Mettl.

Schon eine Zeitlang vorher tuschelten sich's die Leute ins Ohr, aber eigentlich zweifelte noch jeder dran. Da, auf einmal, wurde es echt und ernst mit der Sache. Jeder Mensch, der davon wusste, schaute seinem Nachbarn ins Aug' und sagte darüber: „Hm, mächt’st es net für menschnmögli hoitn... Hmhmhm, a so a stramma Kerl nimmt a soicheres bucklt's, schiach's Weibsbuid ... hmhmhm!“

Einige freilich, die den Mettlhiasl genauer kannten, verzogen dabei siebengescheit ihr Maul und erzählten allerhand. Ihr Schlussrefrain war jedesmal: „Hm, da Hiasl!... Der is it aufs Hirn g’foin!... Der heirat’t d' Sach', und bei der Gretl druckt er d' Augn zua ... Losst’s’n nu amoi Baur sei, nacha wird’s glei sehng, was er für oana is – Aba er hot ja schliaßli ganz recht...“

Das war auch richtig, absolut richtig. Kaum war der Hiasl Hölleisenbauer, da drehte sich der Wind. Die Gretl, zu der er voreh' windelweich war, musste auf einmal tanzen wie er pfiff. Jetzt ging er jeden Sonntag bis zur letzten Stund' ins Wirtshaus und hatte ein Saumaul wie keiner im weiten Umkreis, jetzt spielte er wie ein ausgefeimter Viehhändler, jetzt kommandierte er und ließ andere arbeiten, und jetzt hatte er wahre Habichtsaugen für alle fremden Weiber, die ihm in den Weg liefen.

Der neue Knecht, die Dirn – jeder, der ein bissl schauen konnte, merkte es: Die Gretl verachtete er ärger wie ein Stück räudiges Vieh. Er war grob zu ihr, es hatte ganz das Ansehen, als wenn er sich vor ihr ekle.

„Dappige Kuah!... Saudumm's Weibert’s!... Bucklta Fetzn!“ das waren so seine mildesten Namen, die er ihr gab. Anfangs begehrte sie auf, sie schrie, bellte, aber er genierte sich gar nicht, er schlug sie vor den Dienstboten. Sie weinte, sie plärrte, sie lief in die Nachbarhäuser und wimmerte. Das kümmerte ihn gar nichts. Er holte sie nicht. Schließlich dann, wenn einer der Nachbarn mit ihr zurückkam und den sackgroben Kerl zur Rede stellen wollte, setzte er eine drohende Miene auf und griff pfeilgrad nach hinten, wo sein Stilett steckte. Nicht umsonst war er guter Soldat gewesen und wusste, was die Soldatenregel wert war: nicht verhandeln – Schlagen ist der gewisse Sieg.

„Geh zua, sog i!“, knurrte er dumpf heraus und hatte Augen dabei, dass einem das kalte Grausen über den Rücken lief: „Mach, dass d' ma aus'n Gsicht kimmst, sünscht passiert wos!“ Keiner nahm’s auf mit ihm, jeder ging. Kein Wunder also, dass die Nachbarsleute der schreiend daherlaufenden Gretl jedesmal die Tür vor der Nase zuschlugen und mit diesen Streitigkeiten nichts mehr zu tun haben wollten. Der jetzigen Mettlin blieb also nichts anderes übrig, als sich zu fügen. In wenigen Monaten wurde die einst so schnippische, resolute Person eine zerdrückte, hündische Kreatur. Sie sagte nichts mehr, sie folgte aufs Wort, sie klagte nicht mehr, wenn er sie schlug, sie stritt nicht mehr und fraß alles stumm in sich hinein. Sie hasste ihn, und er hasste sie. Bei ihm war dieser Hass offen, bei ihr glomm er tief innen. –

 

Egon Erwin Kisch

über den Tschekaprozess von 1925

 

Kurt Kreiter über die Vorgeschichte:

 

Von den verschiedenen Rechtsmisshandlungen des „Staatsgerichtshofs zum Schutz der Republik“ könnte eine eigene Veröffentlichung handeln. Der spektakulärste Prozess unter dieser Leitung war der sogenannte Tscheka-Prozess. Die Summe im voraus:

Der Kommunist Neumann liquidiert einen Spitzel der Polizei und heiligt seine Tat dadurch, dass er in der Rolle des Polizisten weiterspitzelt. Er denunziert sich und seine Genossen. Das Todesurteil gegen ihn wird pro forma ausgesprochen, Neumann wird begnadigt, flieht aus der Haft und tritt später als Versammlungsredner der Nationalsozialisten auf.

Zur Vorgeschichte: Ende 1923 hatten Sozialdemokratie und bürgerliche Mitte gemeinsam das Verbot der Nationalsozialistischen und der Kommunistischen Partei durchgesetzt, nachdem in den ersten Novembertagen der Machtkampf zwischen den Wegbereitern Nazideutschlands und den Kommunisten angesagt worden war. Allerdings verschärfte diese Maßnahme nur das Dilemma einer Gesellschaft, deren Unfähigkeit zur Demokratie zunehmend hervortrat, und zwar nicht nur im Sinn eines klassenkämpferischen Ethos. Das Verbot der Nationalsozialisten wurde nie ernsthaft durchgeführt und zeitigte daher keine weiteren Folgen. Ernst gemeint aber war das Verbot der KPD, doch deshalb nicht weniger illusorisch. Der illegalisierte Apparat der Partei lief weiter und bot damit automatisch Raum für eine Verschwörerromantik in Zirkeln, die sich jeder Kontrolle entzogen. Die einzige Terrorgruppe jedoch, die unter kommunistischem Firmenschild (originellerweise als »Bund Roter Katzen«) lief, war die von dem exhibitionistischen Falschspieler Felix Neumann geleitete. Sie hatte nach langem und unwirklichem Attentatsgerede den Mord an dem Polizeispitzel Rausch in Szene gesetzt. Das genügte dem Reichsgericht zu einer Prozessführung, in deren Verlauf die KPD als solche moralisch diskreditiert werden sollte und als deren Ergebnis drei Todesurteile (gegen Neumann, Poege und Skobelewski) gefällt wurden.

Derselbe Staatsgerichtshof hatte 1923 den Pazifisten und Landauer-Schüler Ernst Friedrich (Gründer eines Internationalen Antikriegsmuseums in Berlin) zu einem Jahr Haft wegen versuchten Hochverrats verurteilt – und zwar aufgrund eines Schriftsatzes, in dem „republikfeindlich“ zu lesen stand: „Rettet diese Republik, heißt nichts anderes als: Rettet die Herren, ihr Sklaven! Rettet die Peiniger, ihr Gepeinigten!“ Die gleiche Instanz – berufen zum „Schutz der Republik“ – fällte zwei Wochen vor dem Hitlerputsch in München den Freispruch gegen die Organisation Consul und ihre Hintermänner, die Drahtzieher des gezielten politischen Mordes!

1925 wurde der Sensationsprozess gegen „Neumann und Genossen“ einem treudeutsch applaudierenden Publikum vorgeführt. Im gleichen Jahr verhandelte nicht Leipzig, sondern ein Berliner Schwurgericht gegen die Herren Thormann und Grandel aus dem Kreis des „Alldeutschen Verbandes“, die zwecks Aufrichtung einer nationalen Diktatur eine Mordverabredung gegen den Reichswehrgeneral von Seeckt getroffen hatten. Das Gericht sprach sie frei, weil ihr Vorhaben vereitelt worden war.

Die Polizei aber spielte Handlangerdienste für diese Form der Klassenjustiz. Die baden-württembergischen Behörden übten mittelalterliche Verhörmethoden, Repressionen gegen die Gefangenen, Bespitzelung, Begünstigung, Bestechung. Mit Neumann, dem mörderischen Kronzeugen, sollte der Beweis geführt werden, dass die Kommunistische Partei so etwas wie eine „Tscheka“ (d. h. eine interne „Außerordentliche Gerichtskommission“) aufgebaut habe. Auf diesen Plan stellte sich auch die Verhandlungsführung in Leipzig ein und übertraf mit ihren dabei aufgebrachten Methoden an Rechtlosigkeit alles bisher Dagewesene. „Das dem Urteil vorangegangene Verfahren“, befand einer der nichtkommunistischen Verteidiger, „ist keine ausreichende Grundlage für eine objektive Feststellung, kann es nicht sein, weil es eine einzige Kette von Rechtsverstößen darstellt.“

Belastendes Material der Anklage durfte während des Prozesses herbeigezogen werden, dagegen lehnte das Gericht sämtliche Anträge der Verteidigung ab, Zeugen oder Beweise neu heranzuführen, die die Angeklagten hätte entlasten können. Die Behinderung der Verteidigung wurde obligat, dazu gehörte auch der Hinauswurf des Verteidigers. Einen Antrag wie den, die Aussage des eben gehörten Zeugen protokollieren zu lassen, verwarf der Vorsitzende mit den Worten: „Ich lehne es ab, mich zurückzuziehen.“

 

Egon Erwin Kisch: Die beiden Tschekas vor dem Reichsgericht.

 

Es ist hoffentlich kein Verrat militärischer Geheimnisse, wenn hier gesagt wird, dass die Sipo, die nun schon seit mehr als Monatsfrist das Leipziger Reichsgerichtsgebäude mit Handgranaten und Revolvern auf Gedeih und Verderb zu schützen bereit steht, eine Umgruppierung vollzogen zu haben scheint. Ohne sich auf die Schätzung dieser Truppenmassen einlassen zu wollen, kann behauptet werden, dass sich die Zahl des Aufgebotes bedeutend verringert hat. Das Giftgas der Langeweile veranlasst ohnedies jeden Passanten, einen weiten Bogen um das Haus zu machen, in dessen Giebelfeld das Basrelief der Justitia gemeißelt ist, mit den befreiten Unschuldigen auf ihrer rechten und den hartbestraften Schuldigen auf ihrer linken Seite ...

Trotzdem darf man die Arbeit der Kronjuristen keineswegs unterschätzen, die von früh bis abends ihre Zeit damit verbringen, die grässliche Mordatmosphäre zu klären. Sie haben schon große Resultate erzielt! Vor allem steht es heute, durch Zeugen und Dokumente erhärtet, unerschütterlich fest, dass das Kaninchen mit dem rosa Ohr die Cholerabazillen gefressen hat. Vergeblich ist alles Leugnen! Es hat sie gefressen, und es ist nur einem glücklichen Zufall zuzuschreiben, dass das arme Opfer keinen Durchfall erlitten hat und sich in einem Schrebergarten von Berlin-Lichterfelde noch seines Lebens freut.

Ernster liegt der Fall dort, wo es sich um ein Menschenleben handelt. Jenes Attentat auf Stinnes, dessen Aufdeckung im vorigen Jahre die Presse der ganzen Welt erfüllt hat, ist schon über das Stadium der Vorarbeiten hinaus gediehen gewesen, als zum Glück die romantische Verhaftung der deutschen Tscheka in Stuttgart erfolgte: Neumann hat es eingestanden, und seine Mitangeklagten mussten es unwidersprochen lassen, der Bund der Roten Katzen habe durch Recherchen geschickt in Erfahrung gebracht, dass Hugo Stinnes ein reicher Großindustrieller und in Essen wohnhaft sei! Nicht so weit kam es mit Borsig. Denn es scheint, dass ihn einige der Beschuldigten für einen General, andere für einen in der kommunistischen Partei tätig gewesenen Lockspitzel halten.

Bei General Seeckt ist die Sache am schlimmsten, da hilft kein Vertuschen. Neumann hatte telephonisch angerufen und vom Adjutanten erfahren, dass Se. Exzellenz am Abend auf dem Anhalter Bahnhof ankomme. Darauf ging Neumann mit einem zweiten dieser blutrünstigen Bande auf den Bahnhof, um sich Se. Exzellenz anzusehen. Die Erbitterung, die im Vorjahre dieses Attentat auf Seeckt hervorrief, ist wohl noch in allgemeiner Erinnerung.

Aus den Zeugenaussagen geht bereits mit ziemlicher Deutlichkeit hervor, dass die Kommunistische Partei eine Änderung der Verfassung und wohl kaum etwas anderes als die Errichtung einer sozialistischen Republik anstrebt.

Ernsthaft gesprochen: ein Schuss ist wirklich gefallen und ist dem Friseur Rausch in den Leib gedrungen. Monate später ist im Lazaruskrankenhaus Rausch gestorben — wie von ärztlicher Seite behauptet wird, auf Grund der übermenschlichen Erregungen, in die ihn die polizeilichen Verhöre versetzten. Ob sie die Ursache waren, dass sich seine Fieberkurve von Tag zu Tag steigerte, wird heute nicht mehr zweifelsfrei festzustellen sein. Tatsache ist, dass er oft stundenlang in Abwesenheit des Pflegepersonals und ohne Einwilligung des Arztes vernommen wurde, ja, dass es sogar zu einem Kampf mit gezückten Revolvern zwischen Stuttgarter und Berliner Polizeibeamten kam, wobei das Krankenbett von Rausch das Kampfobjekt bildete. Wer jemals einen Angehörigen in einem öffentlichen Spital besuchen wollte, weiß, wie schwer die Bewilligung zum Besuche Fieberkranker zu erlangen ist. Hatte Rausch einen tödlichen Schuss, wie war diese Inquisition möglich?

Rausch war Polizeispitzel. Er gehörte zu jenen vom Staat bezahlten Lumpen, die durch lügenhafte Denunziationen oder gar durch Anstiftung unschuldige Menschen, in deren Vertrauen sie sich eingeschlichen haben, in Haft und Vernichtung stürzen. Wie kann man sich gegen ein solches Individuum wehren? Das Verbrechen geschieht doch im Auftrag einer Behörde, also gibt es gegen ihn kein legales Abwehrmittel. Ihn auszuschließen und an den Pranger zu stellen, hat nur die Entfesselung seiner Rache und die Vorbringung noch verhängnisvollerer Lügen zur Folge, wie sich am besten bei dem Hauptangeklagten und Hauptzeugen dieses Prozesses zeigt. Gutzuheißen ist natürlich der Individualterror auch gegen den Spitzel nicht, aber selbst kleinbürgerliche und antirevolutionäre Berliner Geschworene haben wiederholt, wie z. B. im Falle des Kriminalagenten Blau, dem Totschläger wenigstens einige mildernde Umstände zubilligen müssen.

Der Name „Tscheka“, unter dem der Prozess begann, wird nicht mehr genannt. Statt dessen tritt eine ganz neue Tscheka in Erscheinung, die diesen mehr als langweiligen Prozess doch zu unerhörter politischer Wichtigkeit stempelt. Während z. B. im Fall Haarmann nur vier bis fünf Polizeispitzel eine Rolle gespielt haben, schweben hier geradezu Myriaden von Polizeiagenten über den Wassern. Diener ist ein Spitzel, König ist ein Spitzel, Poege wird in der Haft zum Spitzeldienst gepresst und widerruft sein Versprechen erst im Gerichtsgefängnis, dem Neumann deutet man an, dass er, für gute Dienste, trotz seiner Verurteilung ins Ausland werde reisen dürfen, die Spitzel, die den verhafteten Skobelewski im Sowjetgebäude gesehen haben wollen, werden vom Berliner Polizeipräsidium weder als Zeugen geführt noch überhaupt genannt (obwohl sie die einzigen entscheidenden Zeugen für die Beweisführung sein müssten), Spitzel haben Skobelewski und Huke an der Untergrundbahn festgenommen, Spitzel, Spitzel, nichts als Spitzel, rechte Tschekisten.

Welche Geldsummen muss das verschlingen! Und welche Geldsummen mögen für die Prämien ausgeworfen worden sein, die die Polizeikommissare und Agenten gezwungen haben, mit allen Mitteln einen „Erfolg“ herbeizuführen! Die Gefängniswärter spucken aus vor politischen Häftlingen. Die sitzen monatelang in stinkenden Dunkelzellen und bekommen keine Decken. Und es war vielleicht der erschütterndste Moment des ganzen Prozesses, als Margies schilderte, wie er, ein leidenschaftlicher Raucher, einen langen Schriftenwechsel von Gesuchen und Antworten führen musste, um ein paar Zigaretten zubekommen.

Grotesk ist der Konkurrenz- und Kompetenzkampf, der sich nicht bloß zwischen den Kriminalorganen, sondern auch zwischen den einzelnen Polizeibehörden des Reiches abspielt. Am liebsten möchten die Stuttgarter Herren ihre Berliner Kollegen — nein, ich sage doch nicht, was die Herren einander am liebsten antun möchten. Ein Württemberger Kommissar wurde in Berlin von Berliner Kollegen dingfest gemacht. Neben dem Reichsanwalt Neumann, mit dem der Kronzeuge nicht vollständig identisch ist, sitzt ein geheimnisvoller Herr, der immer aufspringt, wenn ein Anwalt etwas gegen die württembergische Polizei vorbringt, und sich erst wieder beruhigt, bis loyal erklärt wird, dass man dem Stuttgarter Polizeipräsidium durchaus nichts nachsagen wolle.

Die anderen Zusammenstöße sind heftigerer Natur. Die Stimmung ist explosiv, und die Nervosität entlädt sich in rein formalistischen Anträgen der gereizten Verteidiger und ihrer Ablehnung durch den gereizten Vorsitzenden. Das ist durchaus begreiflich und kommt von der Diskrepanz zwischen Aufmachung und Inhalt. Diese Aufmachung wurde vor Jahresfrist durch Nichtjuristen mit allem Klamauk in der Presse besorgt. Und der Prozess begann im Zeichen einer Cause célèbre mit einer dem Hauptangeklagten tagelang vorgetragenen, wirkungsvollen Anklageschrift. Und dann? Seither erfuhr man nichts Neues, nur Zweifel, Abschwächungen und Unrichtigkeiten. Von einer Gefährdung des Staates, von seiner Rettung im letzten Moment ist nicht mehr die Rede. Die Attentäter ohne Attentatsabsicht stammen aus einer illegalen Zeit, in der die Kommunistenpartei blödsinnigerweise verboten war, sie sind weder symptomatisch noch gefährlich. In zweitägiger Verhandlung hätten sie abgeurteilt sein können – vor Jahresfrist. Statt dessen inszenierte man diesen Monstre- und Millionenprozess. Begreiflich, dass alle, die sich dermaßen düpiert sahen, nun in höchst verärgertem Zustand die Zeit totschlagen.

Es gibt leider ein Mittel, um den Sensationsprozess nicht als Blamage enden zu lassen, das Mittel, das bei jedem Sensationsprozess politischer Art um so sicherer angewendet zu werden pflegt, je unsicherer die Beweise sind: das höchste Strafmaß gegen die Angeklagten. Je mehr man über ein Gerichtsverfahren zu lachen hat, desto weniger haben die Angeklagten zu lachen. Sie sind vielleicht die Opfer politischer Verschwörerromantik, gewiss aber sind sie noch mehr Opfer des Spitzeltums und der Sensation und vor allem eines Rechtsrechtes, das sie verurteilt, um mit ihrer Verurteilung die Begründung für neue Prozesse und neue Verurteilungen zu schaffen. Das Reichsgericht ist für einige Monate seiner Repertoiresorgen enthoben.

 

Nachweise:

Egon Erwin Kisch aus: „Traditionen deutscher Justiz: Große politische Prozesse der Weimarer Zeit“, hsrg. von Kurt Kreiler, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1978.

Oskar Maria Graf: Die Geschichte von der schiefen Matratze, aus: „Kalendergeschichten I. Geschichten vom Land“, Paul List Verlag, München 1994.